Wie kam es zur Selbstverbrennung?
Oskar Brüsewitz wurde 1970 in Wernigerode feierlich in das Pfarramt eingeführt und anschließend evangelisch-lutherischer Pfarrer in Rippicha im Kreis Zeitz. Mit teils unkonventionellen Aktivitäten versuchte er, die Menschen von der Kirche und seinem Glauben zu überzeugen. So ließ er zur Adventszeit ein beleuchtetes, weithin sichtbares Kreuz am Turm seiner Kirche anbringen. Den in der DDR üblichen propagandistischen Losungen im öffentlichen Raum setzte er eigene, christlich geprägte Transparente entgegen.
Darüber hinaus setzte sich Brüsewitz für den Bau eines kirchlichen Kinderspielplatzes ein und belebte die Jugendarbeit. Mit seiner zupackenden Art und seinem handwerklichen Geschick fand Brüsewitz in seiner Gemeinde zunächst Zuspruch. Nach einiger Zeit verlor der unkonventionell und kompromisslos auftretende Pfarrer jedoch an Rückhalt.
In ihrem Bericht über die Selbstverbrennung listete die Staatssicherheit auch Aussagen "offizieller und inoffizieller Quellen" auf, die den Pfarrer für "geistesgestört" und "unzurechnungsfähig" erklärten. Als vermeintliche Belege für diese Behauptung hieß es, Brüsewitz habe Schafe und Tauben während der Predigt in der Kirche laufen lassen, nachts die Kirchenglocken geläutet oder mit einem Trabant und einem daran befestigten Pflug die Felder bearbeitet.
Insbesondere in diesem Fall sind die MfSMinisterium für StaatssicherheitDas Ministerium für Staatssicherheit (umgangssprachlich oft kurz "Stasi") war politische...-Dokumente mit quellenkritischer Distanz zu lesen. Denn die Charakterisierung des Pfarrers als psychisch krank diente einem bestimmten Zweck: So sollte einer politischen, gegen die SED gerichteten Lesart seiner Tat entgegengewirkt werden. Noch am Tag der Selbstverbrennung war in Abstimmung mit der SED-Bezirksleitung Halle und dem Apparat des ZK der SED ein entsprechender "Maßnahmeplan" entwickelt worden.
Während das MfS in Brüwsewitz' Suizid-Versuch eine "staatsfeindliche Zielstellung" erkannte, sahen andere in ihm einen Widerstandskämpfer, der sich nicht scheute, in der Öffentlichkeit seine kritische Meinung zu kirchlichen und politischen Themen zu äußern. (siehe: Bericht zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz in Zeitz / BStU, MfS, BVBezirksverwaltungIm Zusammenhang mit der Verwaltungsreform der DDR vom Sommer 1952 wurden die fünf... Halle, APPersonenablage, AllgemeineTeil der Operativen Hauptablage; Sigle: AP., Nr. 2950/76, Bd. 3, Bl.47).
Die Leitung der evangelischen Kirche stand Brüsewitz' kompromissloser und konfrontativer Haltung distanziert gegenüber. Hinzu kam: Oskar Brüsewitz stammte aus einfachen Verhältnissen; er war kein intellektueller Theologe, was ihn wohl mancher Amtskollege spüren ließ. Im Jahr vor seinem Suizid war ihm eine Untersuchung seiner Amtsführung angekündigt und ein Wechsel der Gemeinde nahegelegt worden.
In seiner späteren Grabrede erklärte Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer, der Stellvertreter des Magdeburger Bischofs, Brüsewitz habe sich "in dunkle Netze, in eigene einsame Gedanken verstrickt" und sich mit seinen Problemen gegenüber der Kirche verschlossen (siehe: DDR im Blick: Beisetzung von Pfarrer Oskar Brüsewitz in Rippicha (Zeitz), 27. August 1976).
Das Leben von Oskar Brüsewitz
Oskar Brüsewitz wurde am 30. Mai 1929 in Willkischken im Memelland (heute Litauen) geboren und wuchs dort in einer Bauern- und Handwerkerfamilie auf. Nach dem Krieg begann er eine Schuhmacher-Lehre in der Nähe von Chemnitz. Später ging Brüsewitz nach West-Deutschland und legte dort seine Meisterprüfung ab.
1951 heiratete er seine erste Frau; ein Jahr später wurde seine Tochter Renate geboren. Die Ehe scheiterte 1954 und der Schuhmacher zog in die DDR. In Leipzig lerne er seine zweite Frau Christa kennen, die er Ende 1955 heiratete. Zusammen hatten sie drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter.
Von 1964 bis 1969 besuchte Brüsewitz die Predigerschule in Erfurt. 1969 kam er mit seiner Familie als Hilfsprediger nach Droßdorf-Rippicha. Als Pfarrer war er ab 1970 für neun Gemeinden verantwortlich.
Am 18. August 1976 übergoss sich Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin und zündete sich an. Vier Tage später erlag er im Bezirkskrankenhaus Halle seinen Verbrennungen.
Der Tag der Selbstverbrennung
Die Staatssicherheit befragte Zeugen, fertigte Skizzen und Fotos vom Schauplatz der Tat an und rekonstruierte so, was am 18. August 1976 geschehen war: Gegen 10:20 Uhr fuhr Oskar Brüsewitz mit seinem Wartburg vor die Michaeliskirche in der Stadtmitte von Zeitz. Dort stellte er gekleidet im schwarzen Talar ein Transparent auf dem Dach seines Autos auf. Darauf stand auf der einen Seite:
"Funkspruch an alle … Funkspruch an alle … Wir klagen den Kommunismus an wegen: Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen!".
Und auf der anderen, fast gleichlautend:
"Funkspruch an alle … Funkspruch an alle … Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen".
Danach nahm er eine große Milchkanne aus dem Heckraum, übergoss sich mit Benzin und zündete seine Kleidung an. Ein Zeuge löschte nach wenigen Minuten die Flamme mit einer Decke. Der schwer verletzte Pfarrer wurde zunächst ins Krankenhaus nach Zeitz, später nach Halle gebracht.
Für die Rekonstruktion des Falles fertigte die Stasi auch eine Lageskizze vom Ort der Verbrennung an. Diese finden Sie in der Stasi-Mediathek.
Oskar Brüsewitz hatte niemanden in seine Suizid-Pläne eingeweiht, er hatte nur allgemein eine radikale Aktion angekündigt. Den Morgen des 18. August 1976 verbrachte er noch mit seiner Familie. Bevor er nach Zeitz fuhr, übergab er einer Nachbarin zwei Briefe. Einer davon war für den Pfarrkonvent Zeitz bestimmt.
Die Auswirkungen
Am 31. August 1976 erschien im "Neuen Deutschland" ein weiterer Text, in dem Brüsewitz wiederum eine psychische Krankheit und darüber hinaus pädophile Neigungen und Verbindungen zum BND unterstellt wurden. Zahlreiche Menschen protestierten daraufhin in Leserbriefen, Eingaben und im Einzelfall mit einer Strafanzeige gegen die Verleumdung des in den Freitod gegangenen Pfarrers. Die Kirchenleitung der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen setzte eine Gegendarstellung auf, die sie an die ost- und westdeutsche Presse sowie an den Rat des Bezirkes Magdeburg schickte. Ihr Wortlaut wurde in den Berichten der ZAIGZentrale Auswertungs- und InformationsgruppeDie ZAIG war das "Funktionalorgan" des Ministers für Staatssicherheit, die Schaltstelle im MfS, in... weitergegeben.